Verzeihen - Versöhnen - Vergessen

Verzeihen - Versöhnen - Vergessen

Veranstalter
PD Dr. Takemitsu Morikawa, Soziologisches Seminar, Kultur- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Universität Luzern
Veranstaltungsort
Luzern
Ort
Luzern
Land
Switzerland
Vom - Bis
04.03.2016 - 05.03.2016
Von
Morikawa, Takemitsu

Georg Simmel schrieb einst: „Es liegt im Verzeihen, wenn man es bis in den letzten Grund durchzuführen sucht, etwas rational nicht recht Begreifliches.“ Das Thema „Verzeihen“ ist in den Human- und Sozialwissenschaften – Theologie, Philosophie, Psychologie, aber auch Politologie und Rechtswissenschaft – Gegenstand zahlreicher Diskussionen. Der Soziologie scheint es dagegen bisher eher fremd geblieben zu sein. Dabei hat das Phänomen des Verzeihens keinesfalls an Aktualität eingebüßt – weder in den lokalen Gesellschaften noch in der immer stärker globalisierten und konfliktgeladenen Weltgesellschaft. Die Universalität des Verzeihens leitet sich aus der Fehlbarkeit der Menschen her, sofern man Fehlbarkeit als Abweichung von der Erwartung bzw. Norm versteht. Wie können die verschiedenen Theorietraditionen der Soziologie den Vorgang des Verzeihens beschreiben? Was passiert zwischen Ego, Alter und Dritten, wenn dem Ego Verzeihung gewährt wird? Korreliert die semantische Variation der Verzeihung mit gesellschaftlichen – segmentären, stratifikatorischen oder funktionalen – Differenzierungen? Gibt es kulturelle Differenzen im Hinblick auf Verzeihungspraktiken, die die gegenseitige Versöhnung erschweren? Können Vergessen und Verzeihen tatsächlich zur Versöhnung und Vergangenheitsbewältigung in einer Postkonfliktsituation beitragen? Wie viel Wahrheit braucht Versöhnung? Diese Tagung zielt auf eine Diskussion rund um das Thema Verzeihen, Versöhnen und Vergessen ab, sowohl in theoretischer Hinsicht als auch anhand empirisch-historischer Beispiele, um einen neuen Forschungshorizont für die Soziologie zu erschließen.

Programm

Freitag, 4. März 2016

8.30 Uhr Registrierung

9.00 Uhr Begrüssung

9.15 Uhr Keynote 1: Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz (Dresden)
Verzeihung des Unverzeihlichen? Ein philosophischer
Versuch im Spannungsfeld politischer und gesellschaftlicher Herausforderung

10.00 Uhr Christian Dries (Freiburg i.Br.)
Neu anfangen. Zur Sozialtheorie des Verzeihens (Simmel, Arendt, Jankélévitch)

10.45 Uhr Kaffeepause

11.00 Uhr Sonja Fücker (Bremen)
»Vergebungsfiktionen« – Zur Konstruktion sozialer Vergebungswirklichkeiten

11.45 Uhr Justus Heck (Bielefeld)
Richtig Bereuen und wie Dritte dabei behilflich sind.

12.30 Uhr Mittagspause

14.00 Uhr Keynote 2: Joachim Fischer (Dresden)
Verzeihen und Versöhnen. Ihre Sozialontologie im Lichte der Theorie „sozialer Akte“ oder „Sprechakte“.

14.45 Uhr Oliver Dimbath (Augsburg)
Verzeihen, Versöhnen und Vergessen in filmischer Interaktion.

15.30 Uhr Kaffeepause

15.45 Uhr Michael Nguyen (Darmstadt)
Versöhnungsdynamik und gesellschaftliche Struktur im Kontext multipler Differenzierungsformen: das Beispiel des nordalbanischen Gewohnheitsrechts

16.30 Uhr Ana Mijić (Wien)
Der Nachkrieg in Bosnien-Herzegowina – weit entfernt von „Verzeihen – Versöhnen – Vergessen“

17.15 Uhr Kaffeepause

17.30 Uhr Hanna Haag (Hamburg)
Im Schatten der öffentlichen Erinnerung – marginalisierte DDR-Erfahrungen.

18.15 Uhr Robert Małecki (Warschau)
Präsentation der Arbeit vom Zentrum für deutsch-polnische Erinnerungskultur - und edition

19.30 Uhr Gemeinsames Abendessen

Samstag, 5. März 2016
9.30 Uhr Adrian Itschert (Luzern)
Antizipierte Versöhnung. Versöhnungsdiskurse nach dem Sonderbundkrieg in der Schweiz.

10.15 Uhr Takemitsu Morikawa (Luzern)
Die Vergangenheit, die nicht vergeht. Vergangenheitsbewältigung in Japan nach dem Zweiten Weltkrieg.

11.00 Uhr Johanna Groß (Hannover, Niedersächsisches Studieninstitut)
Vergessen, Schweigen oder Erinnern: ist ein Verzeihen nach einem Genozid möglich? – Eine Analyse am Beispiel des Genozids in Ruanda
11.45 Uhr Mittagspause

13.00 Uhr Lena Christlova (Konstanz)
Wie viel Wahrheit verträgt die Versöhnung? Über „das schwere Verzeihen“ in zwei Filmen der Gegenwart: ENG NEI ZÄIT (EINE NEUE ZEIT), Regie: Christophe Wagner (Lu 2015) und VERZEIHEN JA, VERGESSEN NIE, Regie: Dietrich Schubert (D 1994)

13.45 Uhr Lena Rüßing (Köln)
Wahrheit und Versöhnung in post-kolonialen Gesellschaften.
Die Wahrheitskommissionen in Kanada und Mauritius

14.30 Uhr Anja Kinzler (München)
Folgenloses Vergessen? Gedächtnissoziologische Untersuchungen zu sozialen Umgangsweisen mit ‚schlimmen Vergangenheiten‘

15.15 Uhr Abschlussdiskussion

Kontakt

Takemitsu Morikawa
Universität Luzern, Soziologisches Seminar
Frohburgstrasse 3, PF 4466, CH 6002 Luzern
takemitsu.morikawa@doz.unilu.ch

https://www.unilu.ch/fakultaeten/ksf/institute/soziologisches-seminar/mitarbeitende/takemitsu-morikawa/